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dodis.ch/52282Switzerland
Politischer Bericht1 des schweizerischen Botschaft in Bonn, Alfred Hohl
Zu früh?
Vetraulich

Aufgeregt äusserte sich Unterzeichnetem gegenüber ein Staatssekretär des auswärtigen Amts dahin, dass die Wiedervereinigung als Aufgabe schlicht und einfach 20 Jahre zu früh an Bonn herangetragen worden sei. «Wir sind noch nicht voll genug in Europa integriert und die Chancen für deutsch-nationale Aufwallungen bleiben noch viel zu reell.

Das Perpetuum Mobile, der u.a. mit Reichsauflösungen verbundenen nationalen Probleme des 19./20. Jahrhunderts, halten in Europa indessen vorderhand vor allem die Balkanstaaten in Gang, deren Grenzen seinerzeit arbiträr quer durch ethnische Räume gezogen worden waren und deshalb von Anfang an beträchtliche Brisanz versprachen. Das Gleiche gilt für die Auflösung des durch die Zaren und deren Epigonen aufgebauten sowjetischen Imperiums, das z.B. Europa und Asien, Christentum und Islam in den Klammern seiner parteibürokratischen Herrschaftsmethoden unter einen Hut zu bringen trachtete. Steht Europa nun generell ein sich-aufbäumen der u.a. in Versailles, Potsdam und Jalta zu kurz gekommen bevor?

In Hessen sollen kürzlich unbekannte national beflügelte Geister den Slogan «Ami go home» an die Wand gemalt haben und die Presse diskutierte dort angebliche Pläne Ministerpräsident Wallmanns, durch den Abzug der Amerikaner frei werdende Wohnquartiere für die Unterbringung von eigenen Logissuchern und Übersiedlern zu nutzen. Vorderhand ist das indessen m.E.wenig ernst zu nehmende Medienkolportage.

Wie haben aber schon anderswo berichtet, dass sich die mentale Grundeinstellung der Deutschen, eine Art Büsserattitude verbunden mit der Bereitschaft den Schwachen und Defavorisierten zu helfen, zum mindesten partiell geändert hat. Man denkt hier wieder vorab deutsch, aber dem Kanzler attestieren die meisten meiner Gesprächspartner europapolitische Zuverlässigkeit. Kohl will möglicherweise letztlich nicht nur Kanzler der Wiedervereinigung sondern auch Deus ex Machina Europas werden. Da sich diese Rolle bisher die Franzosen vorbehalten hatten, wird das Spiel spannend. Delors möchte sich sicher so wenig wie Mitterand von Kohl die Bresche zum europäischen Erfolg schlagen lassen. Aber des Kanzlers Ambitionen werden anscheinend allmählich globaler: deutsch-deutsche Währungsunion, Wiedervereinigung, Einbringung Gesamtdeutschlands in Europa, europäische Währungsunion, Abtretung von nationalen Prärogativen politischer Souveränität an eineeuropäische Exekutive und deren parlamentarischen Unterbau.

Eine Parforcetour vom deutschen Michel zum Eurobürger. Manchmal sieht es fast so aus.

Man kann sich somit in guten Treuen fragen, warum für den eingangs zitierten Staatssektretär im A[uswärtigen] A[mt]. die Wiedervereinigung 20 Jahre zu früh ins Haus fällt. Gibt es hier wirklich noch nationale Territorialambitionen wie zu Zeiten der Könige von Preussen, Bismarcks2 oder Hitlers? Bei Kohl: nein. Bei ihm registriert man vielmehr eine wirkliche Bereitschaft, Deutschland in Europa aufgehen zu lassen. Das ist echt und gemahnt an Walter Hallstein – mit der einen Nuance, dass der Kanzler sentimentaler argumentiert. Wenn er vom deutsch-französischen Handschlag über den Gräbern von Verdun spricht, dann erstickt seine Stimme in Tränen. Die Fürsprecher der Vertriebenen Verbände bleiben dieser Haltung gegenüber mitsamt der schönhuberschen Camarilla eher eine ephemere Donquichotterie.

Die Nationalismus ist wohl ganz allgemein heute eher die Religion der Armen geworden. Wütet in Kosowo, Rumänien oder Bulgarien – bald einmal vielleicht auch in Albanien. Hier hat die deutsche Sättigung, im Umfeld des von Erhards Wirtschaftswunder portierten Materialismus, den berüchtigten Appetit auf Lebensraum wohl weitgehend ausgeräumt. Man jagt da schon eher Vorstellungen eines qualitativen Wachstums nach.

Kohl mag letztlich mancherlei Ambitionen und Hoffnungen enttäuschen: so z.B. hier noch vorhandene Ansprüche auf die verlorenen Ostgebiete oder DDR-Hoffnungen auf Wohlstand durch einen automatischen Goldregen, französische Aspirationen auf ein Vorantreiben der europäischen Integration nach in Paris entworfenen Konzepten usw.

Ob somit die Wiedervereinigung 20 Jahre zu früh ins Haus fällt, ist schwer zu beurteilen. Solche Ängste basieren auf der Annahme, dass die BRD besser vorgängig unwiederruflich fest in Europa verankert gewesen wäre. Aber Revolutionen entziehen sich jedem Timing. Und ob ein von französischen Computern gesteurter Europäisierungsprozess mit auf später verschobener Wiedervereinung rationellere Resultate eingebracht hätte, vermag niemand zu sagen.

Warum nutzt eigentlich niemand Kohl’s fast täppisch liebenwürdige Europabereitschaft? Warum verdächtigt männiglich den behäbigen Riesen aus der Pfalz abartiger germanischer Macchiavellismen? Warum anderseits der Bonus für den Blechtrommler Oskar aus dem Saarland?

Falsche Politik ist in Europa oft gemacht worden. Aber Bonn liegt diesbezüglich m.E. heute nicht in der Schusslinie berechtiger Verdächtigungen. Vielleicht kam die Wiedervereinigung für die Gralshüter des europäischen Misstrauens zu früh, aber der Kanzler scheint bis anhin nicht schlecht mit den gewaltigen für ihn anstehenden Problemen fertig zu werden.

Politischer Bericht Nr. 24 und Telegramm Nr. 97 (Empfangskopie): CH-BAR#E2010-02A#1996/400#19* (A.21.31). Otto von Bismark (1815–1898), dodis.ch/P3822, deutscher Reichskanzler 1871–1890.
1
Politischer Bericht Nr. 24 und Telegramm Nr. 97 (Empfangskopie): CH-BAR#E2010-02A#1996/400#19* (A.21.31). ↩
2
Otto von Bismark (1815–1898), dodis.ch/P3822, deutscher Reichskanzler 1871–1890.↩